1. Sie kennen sich im deutschsprachigen Raum nicht nur aufgrund Ihres Aufenthalts in Deutschland sondern auch durch die Poesie und Literatur, denen Sie jahrelang besonders gut ausdienen. Wie würden Sie die Beziehungen der beiden Völker heutzutage beschreiben?

  Ich würde sie als problematisch bezeichnen. Die finanziellen Umstände, die Eurokrise, die inneneuropäischen Konflikte haben dazu geführt, dass kaum eine Seite, zumal die kulturelle unbeeinflussbar bleiben kann. Ich meine damit, dass die Auseinandersetzungen nicht mehr rein finanziell sind. Es besteht eine tiefe Kluft zwischen uns, besonders im psychischen Sinne, die wir bis vor einigen Jahren in den gemeinsamen Weg zum vereinigten Europa für überbrückend hielten und es lässt sich nun feststellen, dass sie immer noch vor uns existiert.

2. Spüren Sie in den letzten schwierigen für Griechenland Jahren eine Veränderung im Blick, den sich Griechen und Deutschen sich gegenseitig werfen und in welche Richtung wird das realisierbar?

  Die negative Veränderung ist offensichtlich. Man erkennt das sogar innerhalb der sozialen, freundlichen und beruflichen Beziehungen. Wissen Sie, wenn das Bild, dass man für ein ganzes Volk hat, sich ändert, ändert sich unbewusst auch die Art und Weise, in der man jeden Einzelnen sieht. Heute haben Griechen gegenüber den Deutschen ein eher negatives Bild und etwas Ähnliches passiert auch den Deutschen uns gegenüber. Und was daran das Schlimmste ist, ist das die uns zur Verfügung stehenden Mittel, wie u.a der Dialog, schwer ausgleichend funktionieren, da wir beiderseits weit davon entfernt sind, die Situation, an der sich der Andere befindet, zu verstehen.

3. Welche Rolle würden Sie an Poesie und Literatur erkennen in die Richtung des gegenseitigen Verstehens der beiden Völkern im deutsch- und griechischsprachigen Raum?

  Ich würde das nicht so sagen, dass die Kunst, umso mehr die Literatur damit beauftragt sind, das gegenseitige Verständnis zu fördern. Auch wenn das der Fall ist, geschieht es neben ihres eigentlichen Zwecks, den der Ästhetik und sicherlich geschieht es nicht in einer solchen Art und Weise, die uns gefallen würde. Die Literatur weist uns nicht nur auf den Weg hin zur Versöhnung oder zur Friedensbereitschaft. In manchen Fällen zeigt sie uns, dass so etwas unter gewissen Umständen bis hin zu unmöglich sein mag.

Wollen wir ehrlich sein. Der nachkriegszeitige Wohlstand und der für Jahrzehnte wolkenloser Mitlauf der europäischen Länder haben eine Illusion geschaffen, dass die uralten Unterschieden zwischen uns, zwischen Norden und Süden, zwischen Mittelmeer und Mitteleuropa, sowie Mentalitätsunterschiede, kulturelle Unterschiede einmal und für immer überwunden sind. Die Väter der europäischen Idee haben geglaubt, dass sie uralte Abweichungen, Stellungen und Kulturen- in der Verwaltung, im gesetzlichen, im geschäftlichen, im politischen Bereich u.s.w- von einem Tag zum anderen vereinigen könnten. Historisch gesehen sind nämlich die sechzigen Jahre seit der Römischen Verträge gerade nur ein Tag.

Der programmatische Wille von alleine kann jedoch die Hindernisse der Geschichte nicht überwinden. „Culture eats strategy for breakfast“, ist zutreffend gesagt worden. Wenn Literatur heutzutage etwas beizutragen hat, dann, würde ich sagen, ist es uns zu zeigen, was von uns zu schaffen, sowie nicht zu schaffen ist. Und vielleicht zu versuchen durch ihre eigene Mitteln uns das „Warum?“ zu erklären.

4. Welche ist Ihrer Meinung nach die größte Wette für die Zukunft der europäischen Länder und wie könnte Kunst zu den heutigen von der Krise verursachten Herausforderungen in Europa beitragen?

  Vor den Problemen, den das heutige Europa gegenübetritt scheint das Wort Zukunft seine Bedeutung verloren zu haben. „Die Zukunft ist nicht mehr was sie einst war“ behauptete Paul Valery im Zwischenkrieg, in einer ähnlichen Phase geprägter Krisenhaftigkeit. Bis gestern hielte man die Zukunft als sichergestellt. Man dachte, der Fortschritt sei klar zu erkennen und jede Generation sah in ihren Kindern ein besseres Leben. Das ist nicht mehr der Fall. Weder sind der finanzielle Wohlstand, noch unsere eigene Sicherheit zu erkennen. Nicht einmal der Frieden… Schauen Sie mal, was der Terrorismus verursacht hat. Wer würde sich vor 10 Jahren vorstellen, dass sich entweder Syrien oder die Ukraine in einer solchen ausweglosen Lage befinden würden? Wer würde in den 80er Jahren das Blutvergießen erahnen, dass die Auflösung Jugoslawiens verursachte? Man sollte sich vielleicht mit der Idee vertraut machen, dass die Zukunft eine schwierige Sache sein wird. Wenn man sich mit jener Idee vertraut macht, stellen wir uns dann erst wahrscheinlich, unseren und des anderen Schwächen und Sünden mit größerer Toleranz, mit größerer Geduld gegenüber. Je höher im Gegensatz die Erwartungen, von denen man ausgeht sind, desto wahrscheinlicher die Enttäuschung. Je mehr man von der Zukunft beansprucht, desto geringer befürchte ich schätzt man die Gegenwart, das was wir bereits besitzen, dass nicht wenig ist.

Share and Enjoy !

0Shares
0 0